06.09.2016

Ruhrtriennale gastierte in der Lutherkirche: „Was glaubt Ihr denn?“

Urban Prayer Ruhr
Ruhrtriennale-Dramaturg Malte Jelden

Die einzige Aufführung von „Urban Prayers Ruhr“ in Dinslaken erntete großen Beifall. Auch ein gebürtiger Dinslakener wirkte in dem Stück über die Religions-Vielfalt im Ruhrgebiet mit. Anschließend ging es mit den „Lohberg Tours“ durch den Stadtteil.

 

2015 war die Kohlenmischhalle spektakulärer Schauplatz für die Ruhrtriennale, nun im zweiten Jahr von Johan Simons‘ Intendanz diente der schlichte Bau der Lutherkirche in der Gartenstadt als Aufführungsort. Das Projekt „Urban Prayers Ruhr“ entstand in Lohberg in Kooperation mit dem christlich-islamischen Dialog Dinslaken. Die 200 Plätze in der kleinen Kirche waren komplett vergeben und das Publikum belohnte die fünf Schauspieler und das ChorWerk Ruhr nach zwei intensiven Stunden mit standing ovations.

 

Björn Bicker, künstlerischer Leiter der Uraufführung, hat nach einer umfangreichen Recherche im religiösen Leben des Ruhrgebiets ein Stück verfasst. Der „Chor der gläubigen BürgerInnen“ lässt Hunderte von Fragen auf die Zuschauer einprasseln. Woran glauben die Menschen hier? Welche Sprache versteht ihr Gott? Welche Kirchen, Gebetsräume, Moscheen, Tempel besuchen sie? Ist ihr Glaube privat oder politisch? Was bedeutet ihnen die Freiheit der Anderen?

 

Globalisierung, Migration und Verlust religiöser Bindungen

 

Regisseur Johan Simons lässt die fünf SchauspielerInnen – darunter den gebürtigen Dinslakener Ismail Deniz – so schnell sprechen, dass kaum Zeit für Antworten bleibt. Jeder fällt dem anderen ins Wort und es gibt kaum etwas, auf das sie sich einigen können: lediglich darauf, dass sie die Gläubigen sind, denen die Nicht-Gläubigen gegenüber stehen. Eine Stellungnahme zu religiösen Themen ist nicht Bestandteil. Es geht um Globalisierung, Migration und den Verlust religiöser Bindungen. Oft ist von den vielen Autobahnen im Revier die Rede. Oder davon, dass beim Bau einer religiösen Stätte immer gefragt wird, ob es genug Parkplätze gebe – was Menschen, die sich einen Tempel oder eine Moschee wünschen, eher abseitig finden. Zeit um Nachzudenken, sich eine eigene Meinung zu bilden, findet der Besucher erst nach der Vorstellung. So wie im Alltag die Medien unablässig rauschen, so strömt hier die Flut an Worten.

 

Den Kontrast zum eindringlichen Reden über die Themen Fahren, Beten, Helfen, Bezahlen, Bauen, Heiraten und Träumen steuert das wie stets großartige ChorWerk Ruhr bei. Immer abwechselnd mit dem Sprecherteam singt das renommierte Ensemble in Kammerchorbesetzung Lieder aus den verschiedenen Religionen: jüdisch, hinduistisch, muslimisch und christlich. In ihrer perfekten Artikulation gleichen sie den Schauspielern, aber im Gegensatz zu ihnen zeigen sie vollendete Harmonie. Bei ihnen wird aus 17 Stimmen eine einzige: stimmgewaltiger Wohlklang mit Gänsehaut-Effekt.

 

Konzentriertes Lauschen und stürmischer Applaus

 

Das Publikum besteht auch aus Lohberger Anwohnern, überwiegend aber wohl aus den auswärtigen Festivalbesuchern der Triennale. Sehr konzentriert lauschen alle dem Vielklang und applaudieren schließlich stürmisch. Umrahmt wird die Darbietung souverän und klangvoll von der jungen Gemeinde-Band “Protest-ants“.

Einleitende Worte sprechen Pfarrerin Kirsten-Luisa Wegmann und Hodscha Ahmet Sen. Wegmann erzählt vom guten Zusammenleben in Lohberg und lädt die BesucherInnen ein, wieder zu kommen. Sen fordert dazu auf, sich stets gegenseitig zu unterstützen und Gewalt abzulehnen, egal, welcher Religion man angehört. „Unsere Augen haben verschiedene Farben, aber unsere Tränen sind die gleichen.“

 

Begegnungen bei den Führungen und auf dem Marktplatz

 

Nach der Aufführung nehmen die neuen Stadtteil-FührerInnen der „Lohberg Tours“ rund um Anja Sommer die Gäste in Empfang. Ein Teil folgt ihrer Einladung, den Stadtteil etwas näher kennenzulernen, etwa seine religiösen Gebäude. Auch auf dem Marktplatz finden sich die Besucher ein, um sich mit den Schauspielern über das Triennale-Stück auszutauschen und etwas Leckeres zu essen.

 

Anja Sommer resümiert zum Debut der “Lohberg Tours”: “Die Führungen sind gut verlaufen. Der Besuch in der Moschee ist besonders gut angekommen und einige haben das Angebot genutzt, zwei Rundgänge mit unterschiedlichem Inhalt und einem zweiten Stadtteilführer zu unternehmen. Wir hätten uns mehr Teilnehmer gewünscht, aber der Applaus nach den Rundgängen, die angeregten Fragen und Gespräche und die vielen Flyer, die verteilt wurden, bereiteten einen gelungenen Start in die erste Herbstsaison des Teams und eine Bestätigung des Ansatzes, dass die vier Lohberger Originale ihren Stadtteil besonders lebenssnah und informativ vorstellen können.”

 

Fazit: Die „große“, moderne Triennale kam zum zweiten Mal ins „kleine“, sich grundlegend wandelnden Lohberg: eine Begegnung, deren Fortsetzung man sich gut vorstellen kann. Schön wäre, wenn es gelänge, die hier lebenden Menschen nicht nur in das Rahmenprogramm der Aufführung, sondern auch in eine Produktion selbst einzubinden. Sie haben sicher noch viel über ihr Leben zu erzählen: Was bedeutet die Entwicklung von der ehemaligen Zeche und ihrer Gartenstadt zum vorbildhaften CO2-neutralen Stadtviertel für sie?


Text und Fotos: Gudrun Heyder


Info: „Urban Prayers Ruhr“
https://www.ruhrtriennale.de/de/produktionen/urban-prayers-ruhr


Info: Martin-Luther-Kirche


Für den Bau der Martin-Luther-Kirche zwischen 1952 und 1954 standen kaum finanzielle Mittel zur Verfügung. Nur mit Unterstützung der Zeche Lohberg konnte der Kirchenneubau realisiert werden. Die evangelischen Christen hatten bis zu diesem Zeitpunkt eine Holzkirche genutzt, die im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war.
Bergwerksdirektor Dr. Hoffmann trieb den Bau voran, indem er evangelische Bergarbeiter für die Baustelle von der Arbeit auf der Zeche freistellte und Material wie z.B. die auf der Zeche gefertigten Ziegel kostenlos zur Verfügung stellte. Um an diese Verbindung zu erinnern wurde in der Lutherkirche Lohberg zu jeder Messe eine Grubenlampe angezündet und in der Kirche ein Stück Kohle aufbewahrt.


Seit 2007 zum Bezirk der großen evangelischen Kirchengemeinde Dinslaken gehörig wird der Kirchenraum heute – aufgrund sinkender Gemeindemitgliedszahlen – nicht mehr für Gottesdienste genutzt. Auf dem Gelände des ehemaligen Pfarrhauses werden altersgerechte Wohnungen errichtet, für die Kirche selbst ist die baldige Umnutzung in ein Kolumbarium für die Aufbewahrung von Urnen mit einem kleinen Andachtsraum für Trauerfeiern geplant.


Quelle: Programmheft „Urban Prayers Ruhr“

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