26.01.2017

Ausblick auf 2017: Es geht voran bei Gewerbe, Wohnen und Kultur Interview mit Bernd Lohse, KQL-Projektleiter der RAG Montan Immobilien

Diplom-Geograf Bernd Lohse blickt optimistisch in das neue Jahr: Im Gewerbegebiet des Kreativ.Quartiers Lohberg siedeln sich mehrere Dinslakener und auswärtige Firmen an, die Nachfrage für das neue Wohnquartier ist hoch und die Zentralwerkstatt entwickelt sich zum gefragten Standort für Events, Kultur und Kunst. Im Interview mit kql.de-Redakteurin Gudrun Heyder erklärt der Projektleiter, was 2017 im KQL ansteht und welche Pläne er darüber hinaus verfolgt.
 

Gudrun Heyder: Herr Lohse, das ehemalige Zechengelände fit für die Zukunft zu machen, umfasst zahlreiche Aspekte: die Ansiedlung von Unternehmen, das Gewinnen neuer Anwohner, die Nutzung regenerativer Energien, attraktive Arbeitsplätze für Kreative, neue Bildungs- und soziale Angebote, die Aufwertung von Lohbergs Image und vieles mehr. Wie gehen Sie als Projektleiter daran, die Entwicklung voran zu treiben und alles unter einen Hut zu bringen?


Bernd Lohse: Zum einen bin ich sehr umtriebig, habe täglich eine neue Idee und treffe schnelle Entscheidungen, wenn das notwendig ist. Zum anderen weiß ich, dass die Dinge Zeit brauchen, um zu reifen. Ich habe klare Visionen für das KQL, aus denen ich konkrete Ziele formuliere. Daraus entwickele ich Strategien, die ich mit den jeweils Beteiligten in Prozessabläufe umsetze. Im KQL bewegt sich viel parallel, aber die Struktur ist klar.


Heyder: Können Sie das Spannungsfeld aus dem Zeitdruck, dem manche Prozesse unterliegen, und der erforderlichen Geduld, die man für ihre Realisierung braucht, näher erläutern?


Lohse: Wir hatten mit dem KQL einen starken Start, weil wir rasch die nötige Infrastruktur brauchten wie die Erschließungsstraßen und den Bergpark. Zurzeit sieht es jedoch für manche so aus, als ob wir fertige Strukturen hätten, aber zu wenige Käufer für Grundstücke im Wohn- und im Gewerbecluster. Unser größtes Problem ist, dass Investitionsentscheidungen Zeit brauchen. Den Sitz eines Unternehmens ins KQL zu verlegen, ist ein langwieriger Prozess. Wenn ich ein Grundstück kaufe, fange ich nicht sofort an zu bauen, sondern suche mir einen Architekten, stelle einen Bauantrag und plane die Finanzierung. Also ist möglicherweise erstmal ein Jahr nichts zu sehen auf dem Grundstück. Letztlich dauern gerade betriebsinterne Vorgänge eines Investors oft sehr lange, denn er muss für eine Standortverlagerung auch seine Mitarbeiter gewinnen.


Heyder: Wie läuft denn die Vermarktung des Gewerbegebiets – auch ohne dass schon Wesentliches sichtbar ist?


Lohse: Wir führen sehr intensive Gespräche, oftmals auch mit mehreren Interessenten für ein Grundstück. Wer ein Grundstück reserviert, zahlt dafür eine Gebühr. Konkrete Abschlüsse tätigen wir in den nächsten Wochen mit mehreren Unternehmen: zum einen mit derzeitigen Mietern, die kaufen wollen, weil sie an die Werthaltigkeit dieser Grundstücke glauben, zum anderen mit einigen Firmen aus Dinslaken und dem näheren Umkreis. Konkrete Namen können wir nennen, wenn die Verträge geschlossen sind.


Heyder: Das klingt sehr positiv – und wie sieht es im neuen Wohngebiet aus?


Lohse: Dort läuft es auch gut, die Nachfrage ist hoch und wir haben viele Einzelverkäufe durchgeführt, obwohl der Standort schwierig ist. Wir bieten alle Wohnformen an: freistehende Häuser, Doppelhaushälften, Eigentums- und Mietwohnungen und ein Mehrgenerationen-Haus. Im Wohncluster entstehen hochwertige Häuser mit hoher Energieeffizienz. Ein Investor richtet zum Beispiel gleich eine Elektro-Tankstelle mit ein. Von unserer Tochter GP & Q, der Gesellschaft für Projekt- & Quartiersentwicklung, die wir gemeinsam mit der KLG Projektentwicklungs-GmbH betreiben, liegt uns ein sagenhaft guter Entwurf für gut 100 Wohneinheiten an der Hünxer Straße vor: kein Bauriegel, sondern mit Atrien offen gestaltet. Diese Häuser werden von diesem Jahr an in drei Bauabschnitten realisiert.


Heyder: Sprechen wir über die Bestandsgebäude: Das Pförtnerhaus ist wunderbar saniert und steht für neue Nutzungen bereit – wie sehen Sie dessen Rolle im Gesamtkonzept?


Lohse: Das Ensemble im Eingangsbereich aus Pförtnerhaus, Sozialgebäude und Lohn- und Lichthalle hat immer als Scharnier zwischen der Zeche und dem Stadtteil gedient. Für den neuen Besitzer des Pförtnerhauses – die Stiftung Ledigenheim – ist es sicher wirtschaftlich, für dieses historische Kleinod einen geeigneten festen Mieter zu finden. Ich finde aber auch eine offene Nutzung passend, etwa, in den Räumen unsere Vermarktungsgespräche zu führen.


Heyder: Die Zentralwerkstatt hat sich dank der Initiative der Freilicht AG bereits als beliebter Veranstaltungsort bewährt. Wie stellen Sie sich die Zukunft dieses historischen Gebäudes vor?


Lohse: Ich befürworte unterschiedliche Nutzungen mit einem gemeinsamen Grundverständnis. Die Freilicht AG, die dort Veranstaltungen etabliert hat, wird durch Nutzungen wie Gastronomie, Kunst und Kultur ergänzt. Dort können Ateliers für Kreative entstehen: Das wären unter anderem neue Räume für die Künstler*innen, die nach dem Verlust des Gesundheitshauses Ausweichquartiere suchen mussten. Außerdem bin ich im Gespräch mit zwei international arbeitenden Künstlern aus den Bereichen Bildhauerei und Malerei sowie Aktionskunst, die auch Kurse geben und ins KQL umsiedeln wollen. Und es soll in der Zentralwerkstatt Präsentationsflächen geben für passende „extrovertierte Nutzungen“ etwa von handwerklichen und künstlerischen Betrieben.


Heyder: Sie sprachen das abgebrannte Gesundheitshaus an, das im Frühjahr abgerissen wird. Was wird an dieser Stelle passieren?


Lohse: Der Verlust der Ateliers war ein Schock für die Künstlerinnen, denen ich mich eng verbunden fühle. Aber nun forciert er die neuen Pläne für diese Fläche an der Hünxer Straße, die zu einer innerstädtischen Lebensader wird. Sie wird der Nahversorgung sowohl der Bewohner der Zechensiedlung als auch der Menschen dienen, die im Wohngebiet auf der Zechenseite leben werden: mit Einzelhandel, kombiniert mit Gastronomie und quartiersbezogenen Nutzungen, das heißt Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens und der Bildung sowie einem Ärztehaus. Das passt auch sehr gut zu der Kindertagesstätte, die auf dem Zechengelände entstehen soll.


Heyder: Damit kommen wir zum Thema Bildung. Wie wichtig sind neue Bildungseinrichtungen in Lohberg?


Lohse: Bildung ist ein wesentliches Thema, das wir auch 2015 im überabeiteten Leitbild für das KQL festgeschrieben haben. Lohberg ist der Stadtteil mit dem höchsten Anteil an Kindern und Jugendlichen in Dinslaken. Wir brauchen hier Bildungsangebote vom Blaumann bis zum Akademiker, vom Kleinkind bis zur Erwachsenenbildung, um der Bevölkerungsstruktur gerecht zu werden. Bildung ist wesentlich für die Integration und das Zusammenwachsen. Beides braucht dieser Ort, kann es aber auch bieten und das stimmt mich froh und zuversichtlich.


Heyder: Ein weiteres entscheidendes Thema ist die Nutzung nachhaltiger Energien.


Lohse: 2016 haben wir mit der Inbetriebnahme des Windrads und der Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach der Kohlenmischhalle zwei Meilensteine geschaffen. Zukünftig stehen die engergieeffizienten Gebäude im Fokus: im Wohn- und Gewerbecluster und bei der Sanierung der historischen Wohngebäude in der Gartenstadt. Es gibt aber auch nachhaltige Maßnahmen, die sich eher im Verborgenen abspielen: Unter dem Lohberg Corso fangen wir das Regenwasser vom gesamten Zechengelände auf und der Lohberger Weiher dient als Regenrückhaltebecken. Ein weiterer Aspekt ist die graue Energie, also die Energiemenge, die für Herstellung, Transport, Lagerung und Entsorgung benötigt wird. Alles, was wir auf der Zeche abreißen, wird dort vor Ort wieder verwendet. So werden das Abbruchmaterial oder auch alte Fundamente getrennt und auf eine Größe gebrochen, die zum Beispiel natürlichem Schotter entspricht.
Mein Begriff von Energie umfasst außerdem das, was in den Köpfen passiert. Veränderung und damit Innovation erfolgt immer durch die Kreativität des Menschen. Damit meine ich nicht nur die Fachleute, sondern ebenso die Bürger. Deshalb sind Partizipation und Bildung so wichtig.


Heyder: Wir haben viele neue Entwicklungen angesprochen. Entscheidend ist, die Menschen vor Ort bei den Planungen einzubeziehen, denn das alles betrifft unmittelbar ihre Lebenswelt. Und die Investitionen in den Stadtteil sollen dazu führen, dass Lohberg noch lebenswerter wird und sein teilweise negatives Image in etwas Positives umwandelt, das für die Zukunft trägt. Wie sehen Sie das?


Lohse: Bei allem, was wir machen, ist wichtig, in Kontakt mit den Menschen zu sein. Deshalb haben wir unter anderem die Bürgerbefragung in Lohberg durchgeführt. Parkwerk, Kraftwerk und die Kreativen selbst beziehen die Anwohner auf vorbildliche Weise in ihre Kunstprojekte ein. Auch ich bin persönlich im Kontakt mit den Bürgern, zum Beispiel mit dem Knappenverein und dem Bergmannschor Concordia, deren Traditionen ich achte. Ich wünsche mir aber auch eine Offenheit gegenüber den Neuerungen. Die Bergleute waren stolz auf ihre harte Arbeit und selbstbewusst. Nach der Zechenschließung kam die depressive Phase. Die Menschen sollen wieder spüren, dass sie hier selbstbestimmt leben können und dieser ganz besondere Ort ihnen eine neue Identifikation und vielfältige Chancen bietet. Wie eingangs gesagt, dieser Riesenprozess braucht einen langen Atem und zugleich rechtzeitige Weichenstellungen für die Zukunft. Mein Motto heißt „Was Du bis Ostern nicht gesät hast, kannst Du in diesem Jahr nicht mehr ernten.“



Bild oben: Projektleiter Bernd Lohse, RAG MI GmbH und der Lohberg Corso als verbindende Achse des gesamten ehemaligen Zechengeländes - bereits fertiggestellt. Welche Nutzungen in die Bestandsgebäude einziehen werden, steht noch nicht fest. Zu sehen sind hier die eingerüsteten Fördermaschinenhäuser.

 

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