04.09.2017

Von Energie durchpulste Tanzperformance

Szenenbild in der Zentralwerkstatt

Moderne Inszenierung der Ruhrtriennale „Projecting [Space[“ eröffnet ungekannten Blick auf das ehemalige Zechenareal Lohberg


Abenddämmerung mit Halbmond, Förderturm, Windrad und Kohlenmischhalle bilden eine imposante Kulisse. Vor der Zentralwerkstatt warten Zuschauer neben einer Holz- und Stahlkonstruktion auf dem mit Pfützen bedeckten Schotter. Die Tänzer*innen sind auch schon da: Auf der Brache südlich des Gebäudes klettern zwei bunte Gestalten mit Tüchern hantierend auf einem Auto herum. Ein Mann turnt akrobatisch auf einem Gabelstapler, ein anderer auf einem sich drehenden Bagger. Eine Frau im Bikini und ein Mann in Badehose sausen auf Mountainbikes über das holprige Gelände. Alle sind tief versunken in ihr bizarres Tun. So beginnt die Tanzperformance „Projecting [Space[“, uraufgeführt als Produktion der Ruhrtriennale.


Die Grenzen sind durchweg fließend an diesem Abend: Choreografin Meg Stuarts tänzerische Versuchsanordnung fängt allmählich unter freiem Himmel an, dann wechseln Ensemble und die 150 Premierenbesucher in die Zentralwerkstatt. In der lang gestreckten Halle mischen sich die acht Tänzer*innen und das Publikum dicht an dicht. Jozef Wouters Bühnenbild, eine Art Hochregallager, dient gleichermaßen als Schauplatz und Raum für die Besucher. Die Szenen gehen ineinander über, vieles bleibt rätselhaft. In kurzen Augenblicken beziehen die Akteure einzelne Zuschauer spontan ein, dann wieder tanzen sie unmittelbar neben ihnen, ohne sie anzublicken. Meg Stuart ist mal Beobachterin, mal wirkt sie mit.


Begegnungen und Räume ausloten


Von klassischem Tanztheater ist das Team von „Damaged Goods“ weit entfernt: Die Tänzer*innen werfen Fragen auf mit ihren Körpern, welche von verhüllt in Fellhose, engem Silberfummel oder Astronautenkostüm bis völlig nackt alle Varianten bieten (Kostüm und Requisite: Sofie Durnez). Sie loten Begegnungen und Räume aus, sie erspüren ihre Energie und die des Gegenübers. Sie spielen mit Materialien wie Staub, Glitzerfarbe und Kaffeepulver.

 

Gefühle von Innigkeit, Erstaunen, Freude und Verzweiflung

 

Zu einem mal sanften, mal ohrenbetäubenden Soundteppich begegnen sich die acht Solisten auf vielfältige Weise: Als verschlungener Gesamtorganismus robben sie durch enge Regale. Zwei Männer bemalen sich gegenseitig zärtlich mit blauer Farbe. Vor einem riesigen Vorhang mit Himmel und Meer stürmt ein Fallschirm“flieger“ durch die weite Halle. Gefühle von Innigkeit, Erstaunen, Freude und Verzweiflung spiegeln sich im Wechsel auf den Gesichtern der Tanzkünstler*innen.

 

Archaische Bilder bezaubern die Zuschauer – jedenfalls die meisten, die sich darauf einlassen können: Da ist der uralte Traum vom Fliegen. Eine Frau wäscht eine andere sorgfältig in einem Bottich - ein Reinigungsritual? Menschen kriechen suchend über den Boden. In der (zu langen) Schlussszene schließlich steigern sich die Tänzer*innen in einen ekstatischen Tanz hinein. Mariana Tengner Barros, Sängerin und Tänzerin, facht sie hauchend und schreiend an. Hier verliert sich der bislang enge Kontakt von Ensemble und Besuchern leider.

 

Feuer als Symbol der Energie und des Wandels


Zwei Stunden lang bewegen sich Ensemble und Publikum durch die malerische Kulisse der historischen Werkstatt. Die Klanginstallation von Klaus Janek aus Live-Electronics, Kontrabass und vor Ort gesampelten Geräuschen hüllt sie ein. Nachdem die Musik verebbt, folgt das Publikum den Tänzer*innen nach draußen. Dort lodert ein Lagerfeuer, um das sich alle zum großen Schlussapplaus versammeln: Das Feuer als Symbol der Energie und des Wandels beschließt den eindrucksvollen Abend.


Mehrere Wochen hat das Ensemble in der Zentralwerksstatt geprobt, um diese ehemalige, einmalige Stätte schweißtreibender Arbeit zu erkunden. Ja, es nutzt deren schier unendlichen Möglichkeiten, aber zuweilen droht es sich in Beliebigkeit zu verlieren. Jedoch überwiegen bei weitem die starken Momente.

 

Enormes Potential für zeitgenössische Kunstformen

 

Man kann erneut festhalten – wie schon im ersten Ruhrtriennale-Jahr bei „Accatone“ in der Kohlenmischhalle: Die ehemalige Zeche Lohberg birgt mit ihrer historischen Architektur ein enormes Potential für zeitgenössische Kunstformen. Meg Stuarts Performance ist durchpulst von Energie: an einem Ort, der zur aktiven Zeit der Zeche der Energieerzeugung in gewaltigen Ausmaß diente.


„Nachwort“:

„Projecting [Space[“ ist die dritte Produktion der Ruhrtriennale unter der dreijährigen Intendanz von Johan Simons. Mit sehr verschiedenen Projekten gastierte das renommierte Festival in Lohberg. Die modernen Inszenierungen eröffnen den Zuschauern und den mit dem Ort vertrauten Anwohnern die Möglichkeit, das Zechengelände unter einem anderen Blickwinkel neu wahrzunehmen. Der Verein PARKWERK, der in diesem Jahr das Catering von Tanzensemble und Publikum übernommen hat, ist jedenfalls zufrieden: Deutsch-türkische Frauen kochten für die Gäste, was diese gerne annahmen.


Text: Gudrun Heyder


Fotos: Ruhrtriennale, Laura van Severen (Inszenierung), Gudrun Heyder (Außenaufnahmen).
Hinweis: Aufgrund der festgelegten Fotoformate der Website sind die Fotos der Tanzproduktion beschnitten worden. Wir bitten die Fotokünstler um Verständnis – sonst hätten wir die Szenenbilder hier nicht zeigen können.


Choreografie Meg Stuart / Damaged Goods
• Dramaturgie Jeroen Peeters
• Raum Jozef Wouters
• Von und mit Mor Demer, Márcio Kerber Canabarro, Roberto Martínez, Renan Martins de Oliveira, Sonja Pregrad, Jorge Rodolfo de Hoyos, Mariana Tengner, Sigal Zouk
• Sounddesign Vincent Malstaf
• Kostüm Sofie Durnez
• Licht Sandra Blatterer
Eine Produktion von Damaged Goods und der Ruhrtriennale in Koproduktion mit dem HAU Hebbel am Ufer (Berlin).
 

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