12.06.2018

Reportage: Haldentour mit dem Planwagen - Auf den „Rocky Mountains“ von Lohberg

Die Gäste erleben üppige Natur und Weitblicke über Niederrhein und Ruhrgebiet. Außer vielen Informationen rund um die Halde Nord und das Kreativ.Quartier Lohberg gibt es Kaffee und Kuchen, viel Spaß und eine Überraschung.

 

Treckerfahrer Heinrich Hülsemann nimmt die Teilnehmer*innen der Tour im Bergpark gut gelaunt in Empfang, als es an diesem diesigen Junisonntag hinauf auf die Halde geht. Immerhin 112 Meter sind die „Rocky Mountains“ von Lohberg hoch. Alle Gäste finden Platz im selbst gebauten Planwagen, den ein Schlüter-Schlepper von 1984 zieht. Es ruckelt ganz ordentlich auf dem Weg bis zum Hochplateau, auf dem die Windkraftanlage steht. Gästeführerin Anja Sommer nutzt die Zeit für grundlegende Informationen rund um die ehemalige Zechenanlage: Was bedeutet Kreativ.Quartier, was ist eine Gartenstadt und wie funktioniert das mit dem zukünftig CO2-neutralen Stadtquartier? 

 

Goßes Schilfgebiet am Haldenfuß

 

Auch Bernd Lohse, Projektleiter der RAG Montan Immobilien, nimmt heute teil und versorgt die wissbegierige Gruppe mit weiteren Expertenauskünften. „Die Planwangenfahrten machen wir, weil das Haldengebiet für die Öffentlichkeit noch gesperrt ist“, erklärt Anja Sommer. Am Fuß der 210 Hektar großen Haldenlandschaft haben sich Feuchtgebiete gebildet. Wir passieren den Teich „Kaiserbecken“ und das Schilfmeer: Hier befindet sich das größte Schilfgebiet am Niederrhein. Das Kaiserbecken trägt seinen Namen zu Ehren des Oberwäschemeisters der Zeche Lohberg, Johann Kaiser.

 

Bereits 22 Jahre Zeit für neue Natur

 

Die Halde Lohberg Nord, eine von 134 Halden im Ruhrgebiet, ist dicht bewachsen und sehr grün. „Sie wurde 1996 geschlossen, Sandschichten und Häckselmaterial wurden aufgebracht und dann wurde die Natur sich selbst überlassen“, erläutern Lohse und Sommer. Halden entstehen Schicht für Schicht, so dass die Renaturierung unten die längste Zeit zum Wachsen hatte. Unter anderem breitet sich Buchenwald am Haldenfuß aus. „Unten haben wir ein Fünf-Gänge-Menü, oben Erbsensuppe“, umschreibt der Projektleiter die Verteilung der Flora.

Weil Menschen hier keinen Zugang haben, sind die Tiere ungestört. Die Artenvielfalt von Fauna und Flora ist groß. Amphibien, Wildschweine, Hirsche, Rehe, Füchse, Dachse, Greifvögel und weitere Arten haben die Halde für sich erobert. „Neulich habe ich einen Koloss von Hasen gesehen“, berichtet Anja Sommer. „Dass hier ein Wolf lebt, stimmt aber nicht!“

 

Windkraftanlage ruht auf Betonteller

 

Oben am Windrad parkt Heinrich den Planwagen und auf geht’s zum 700 Meter langen Spazierrundweg. Riesig hoch wirkt die Anlage, wenn man direkt danebensteht. Bernd Lohse erklärt, wieso der Turm mit 135 Metern Nabenhöhe (193 Meter mit Rotorblättern) auf der Abraumhalde Halt findet: „Etwa 200 sogenannte Rüttelstopfsäulen tragen einen Betonteller, der die Windkraftanlage ‚bombenfest‘ hält.“

 

Weitblicke nach Voerde und Duisburg

 

Auf der Mitte des Weges befinden wir uns genau an der Grenze zwischen Ruhrgebiet und Niederrhein. Anja Sommer schwärmt: „Hier wäre eine Schaukel toll.“ Witziger Weise wäre man dann mal „Ruhri“ und dann wieder „Niederrheiner“.  Die Stadtplanerin weist die Gruppe auf die großartigen Ausblicke hin: bis zum still gelegten Kraftwerk und den Tenderingsseen in Voerde sowie auf die Lohberger Zechenkolonie. Wegen ihres großen Baumbestandes ist von der Gartenstadt aber nur die Grabenstraße halbwegs zu erkennen.

 

Ideen für touristische Nutzung der Halde

 

Auf der Aussichtsplattform sammelt Anja Sommer bei den Haldentouren Ideen der Gäste für die zukünftige touristische Gestaltung der Halde Lohberg Nord. Bogenschießen, eine Seilbahn, „Haldentriathlon“ und Sichtschneisen im üppigen Bewuchs sind solche Wünsche. „Da gibt es großen Abstimmungsbedarf mit den Naturschutzbehörden“, dämpft Bernd Lohse allzu hohe Erwartungen. Schließlich soll die Halde kein Rummelplatz werden, sondern Tieren und Pflanzen einen Lebensraum bieten und Menschen ein ruhiges Erholungsgebiet.

In Planung ist eine Nord-Süd-Fahrradstrecke von der Emscher bis zur Lippe (Emscher Landschaftspark bis zur Römer Lippe Route), der Lohbergcorso ist ein Teilstück davon. Herzstück des Ausbaus ist die alte Bahntrasse der Zeche Lohberg bis zur Verknüpfung mit dem Emscherweg. Zuständig ist der Regionalverband Ruhr.

 

Einer der größten Wasserhaltungsstandorte im Revier

 

„Warum sind die Seilscheiben des Förderturms weg?“, will ein Teilnehmer wissen, der selbst Bergmann auf der Zeche war. „Seit die bevorstehende Schließung der Zeche bekannt war, wurde nicht mehr investiert und so sind die Scheiben verrostet“, weiß Bernd Lohse. „Die Sicherheit war nicht mehr gewährleistet.“ Sobald die Scheiben entrostet sind, werden sie Lohbergs Wahrzeichen wieder vervollständigen: Es wird vollständig denkmalgerecht wiederhergestellt.

 

Am Fuß der Halde befindet sich zukünftig einer der größten Wasserhaltungsstandorte im Revier. Darin wird das Grubenwasser aus dem Grubengebäude bis Bottrop gefangen. Das Grundwasser darf sich nicht mit dem salzhaltigen Grubenwasser mischen. „Davon werden pro Minute über 100 Kubikmeter abgepumpt“, so Lohse. „Auf den Schächten und damit auch unter den jetzigen Förderturm werden dann Windenanlagen zur Wartung der Pumpen und Rohre stehen.“

 

Picknick und Extra-Tour als „Bonbon“

 

Angefüllt mit Eindrücken und Auskünften stärken sich die Teilnehmer*innen am Planwagen mit Kaffee und leckerem Kuchen - selbst gebacken von Heinrichs Frau. Dann nehmen alle wieder im Wagen Platz und es geht zurück. Mit Lohberg-Tours-Flyern wedeln sich die erhitzten Ausflügler Luft zu und Anekdoten sorgen für ausgelassene Stimmung. Bernd Lohse ermöglicht der Gruppe dann noch eine spannende kleine Extratour. Sie soll hier geheim bleiben, denn normalerweise gehört sie nicht zum Programm.   

Mit kräftigem Applaus für die kundigen Führer und den Treckerfahrer endet der schöne Sonntagnachmittag. Anja Sommer kündigt noch besondere Gästeführungen der Lohberg Tours bei der Extraschicht am 30. Juni an – erneut eine Gelegenheit, diesen so vielfältigen Ort im stetigen Wandel wieder aus einer anderen Perspektive zu entdecken.

 

Text und Fotos: Gudrun Heyder

 

INFO

Die nächsten Planwagentouren finden statt am 12.08. und 09.09.2018, Zusatztermine für Gruppenbuchungen: 08.07. und 07.10.2018. Infos zur Anmeldung unter „Termine“.

Wer nicht gut zu Fuß ist, kann auf der Halde statt des Spaziergangs mit dem Planwagen fahren.

 

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