20.02.2015

Authentischer Einblick in das Leben der Bergarbeiter

Türstock im DIZeum

Das DIZeum – Dokumentations- und Informationszentrum Ledigenheime im Ruhrbergbau – ist mit viel Liebe zum Detail ausgestattet. Ehemalige Bergleute bauten darin einen historischen Türstock nach. Ein Besuch lohnt sich.


Zeitzeugen wie Dr. Inge Litschke führen die Besucher während der sonntäglichen Öffnungszeiten persönlich durch die Ausstellung und erzählen von früher. Dank dieses ehrenamtlichen Engagements erwachen die Gegenstände in den Vitrinen und das Original-Mobiliar gleichsam zum Leben. Inge Litschke wuchs in Lohberg als Tochter eins Bergmanns auf, war Sekretärin des Bergwerksdirektors und promovierte später mit einem Buch über die Zeche Lohberg.


Das DIZeum umfasst nur zwei Räume plus Archiv, bietet aber einen vielfältigen Einblick in das Leben der unverheirateten Bergleute im Ledigenheim, das die Bevölkerung „Bullenkloster“ oder „Menage“ nannte. Ein nachgebautes, recht geräumiges Zimmer für vier Männer zeigt die Wohnsituation um 1920. In jeder Ecke steht ein schlichtes Eisenbett mit Wolldecke, früher gab’s eine Strohmatte dazu. „Die Originalbettwäsche war blau-weiß kariert“, erklärt Dr. Inge Litschke der Besucherin. Das weiß sie so genau, weil sie vor langer Zeit einen Rock trug, der aus dieser Bettwäsche genäht worden war.


Zu jedem Bett gehört ein Nachtschränkchen. An der einen Längswand finden zwei Holzschränke mit jeweils zwei schmalen Spinden Platz. Viel Platz für persönliche Habseligkeiten hatten die Bergarbeiter hier nicht, aber sie besaßen schließlich wenig. In der Mitte gruppieren sich vier Stühle um einen einfachen Holztisch, an dem zum Beispiel Skat gespielt wurde, links stehen eine kleine Kommode und das Schuhregal, und das war’s auch schon. Die vermeintliche Tapete mit einfarbigem Kringelmuster ist gar keine, sondern das Muster hat der Maler aufwändig gerollt.


Privatsphäre bot diese Unterbringung kaum, und wegen der verschiedenen Schichten rund um die Uhr herrschte ein ständiges Kommen und Gehen im Ledigenheim. Einige „Geräusch-Überraschungen“ im Vier-Mann-Zimmer vermitteln einen Eindruck. „Auch die Verpflegung mit Frühstück und warmem Mittagessen im Speisesaal gab es passend zur Früh-, Mittags- und Nachtschicht“, erläutert Dr. Litschke. Die Bergarbeiter sollten schließlich gut gestärkt ihre harte Arbeit antreten und sich nach der Schicht satt essen.


Eine reine Männergesellschaft – Zutritt für Frauen streng verboten


Im Ledigenheim lebte eine reine Männergesellschaft – wie auf der Zeche. Auf 6000 Quadratmetern wohnten hier bis zu 542 Männer auf drei Etagen eng zusammen. „Darunter waren viele Kommunisten“, weiß Dr. Inge Litschke. „Das Ledigenheim war ein Zentrum der Roten Ruhrarmee.“ Frauen war der Zutritt streng verboten, und das wurde natürlich kontrolliert. Es gab aber Ausnahmen: Der große Speisesaal im Erdgeschoss diente auch dem kulturellen Leben der Bergleute und der Bewohner des Stadtteils. Zu Theateraufführungen und zum sonntäglichen Tanz kamen auch Kinder und Frauen, und beim Schwofen bahnte sich so manche Ehe an.


Die Werksfürsorge betrieb eine Näherei mit eigenem Eingang im Ledigenheim und dort hatten die Männer nichts zu suchen, es sei denn zum Maßnehmen oder zur Anprobe. „Die Nähstube war ein beliebter Treffpunkt der Lohberger Frauen, in dem sie Kleidung für ihre Familien anfertigten und zu kommunizierten“, erinnert sich Inge Litschke. „Darin standen ein riesiger Zuschneidetisch, zwölf Nähmaschinen und lange Tische. Zwei bis drei Schneidermeisterinnen und ein Meister hatten abwechselnd Dienst und leiteten die Frauen an. Jede Frau hatte ihre Lieblingsschneiderin, zu der sie ging. Auch aus gebrauchter Kleidung wurde Neues geschneidert. Leider wurde die Nähstube 1969 geschlossen.“


Nicht alle unverheirateten Männer lebten im „Bullenkoster“, auch wegen der strengen Hausordnung und des strikten Frauenverbots, sondern manche kamen privat bei Familien unter. „Bei uns wohnten mehrere dieser Kostgänger“, berichtet Dr. Inge Litschke, „sie waren für mich wie große Brüder und das war eine tolle Zeit.“

 

Erzählungen von Zeitzeugen und originalgetreuer historischer Türstock


Im Ausstellungsraum nebenan befinden sich zahlreiche Schautafeln und Glasvitrinen mit Exponaten. Die Tafeln bieten kurzweiligen Lesestoff über das Leben in den Ledigenheimen, biografische Erzählungen von Zeitzeugen und Fotos. Die Besucher erfahren auch Interessantes über Frauen in Ledigenheimen, bergmännische Kulturarbeit, Werksfürsorge, Geselligkeit, Sport, Freizeit, Ausbildung und Politik. Auch Inge Litschke ist auf einem Foto abgebildet: Sie besuchte 1953 einen Kochkurs im Ledigenheim.


Sehenswert ist ein 18 Minuten langer Film, in dem fünf Zeitzeugen vom Leben rund um die Zeche Lohberg erzählen: etwa der Leiter der ehemaligen Laienspielgruppe des Ledigenheims, die im großen Saal vor 500 Zuschauern auftrat. „Bei den Kumpeln habe ich Kameradschaft kennengelernt“, sagt ein früherer Bergmann, „einer war für den anderen da.“ Ein weiterer Kurzbericht handelt davon, dass es zur Gesundheitsfürsorge für die Bergarbeiterfamilien gehörte, Kinder in einem Zimmer im Ledigenheim vor die Höhensonne zu setzen. Das sollte Rachitis und Akne heilen. „Ich saß da nackt und wunderte mich, was das sollte“, blickt ein älterer Herr zurück.
In den Vitrinen sind historische Utensilien versammelt wie Vorhängeschlösser für die Spinde, Rasiermesser, Kamm und Brille, Tabak und Pfeife, Lederhelm und Grubenlampen, Kaffeepulle, Henkelmann und Stullen-Dubbeldose für die Verpflegung unter Tage, Suppenkelle, Bierkrug und andere Gegenstände des täglichen Lebens, dazu auch Ausgefallenes wie eine Butterportioniermaschine.


Die Atmosphäre der Maloche unter Tage vermittelt der historische hölzerne Türstock, den ehemalige Bergleute unter Anleitung des Rings Deutscher Bergingenieure eigens für das DIZeum originalgetreu nachgebaut haben. Im Halbdunklen sitzt eine original bekleidete Bergmannspuppe. Zwei mit Dampf zu betreibende Bohrhämmer lehnen an der Wand, sie sind für Untrainierte kaum anzuheben. Die Vorstellung, dass die Kumpel viele Stunden am Stück damit Kohle aus dem Stollen holten, bei Hitze und Lärm, fällt schwer - obwohl das schon ein enormer Fortschritt war gegenüber dem vor 200 Jahren benutzten Arbeitsgerät: Axt, Holzsäge, Schlägel und dicker Hammer. Früher lernte man in der Bergmannsausbildung, solche handwerklichen Türstöcke zu bauen. Später wurden sie aus Eisen und Stahl gefertigt.


Internationale Grubenlampen-Sammlung als Dauerleihgabe


In einem Sonderraum ist zudem eine außergewöhnliche Grubenlampen-Sammlung zu bewundern, eine umfangreiche Leihgabe der Familie Gappa. Von Mitte der 1960-er Jahre an sammelte Konrad Gappa, der auf der Zeche Lohberg seine erste Schicht im Bergbau absolviert hatte, diese Leuchtmittel weltweit. Sachverständige des Ringes Deutscher Bergingenieure (RDB) haben die Lampen gesichtet, katalogisiert und gereinigt. Durch weitere Stiftungen und Leihgaben ehemaliger Bergleute wächst diese Sammlung stetig. Ab und zu erzählen Experten zu Sonderöffnungszeiten Wissenswertes und Interessantes über die Grubenlampen.


Die Welt der Bergleute war klein: Einen großen Teil des Tages arbeiteten sie auf der Zeche und sie wohnten in nächster Nähe im Ledigenheim. Hier spielte sich ihr ganzes Leben ab: Beruf, Wohnen, Freizeit und menschliches Miteinander. Das sorgfältig ausgestattete DIZeum lässt dieses Leben, das das Ruhrgebiet prägte und nun Vergangenheit ist, ein wenig nachvollziehen. Das Lohberger Mini-Museum ist das einzige seiner Art im Ruhrgebiet und bereichert das Kreativ.Quartier und die Gartenstadt um einen weiteren Anziehungspunkt.

 

Text: Gudrun Heyder

Fotos: Stiftung Ledigenheim

 

 

 

INFO

 

DIZeum - Freundeskreis

 

Der DIZeum-Freundeskreis kümmert sich ehrenamtlich um das Museum. Er trifft sich regelmäßig in den Vereinsräumen des Knappenvereins Dinslaken-Lohberg im Ledigenheim und plant u.a. Verantwortlichkeiten und die Weiterentwicklung des DIZeums. Neben Einzelpersonen sind der Ring Deutscher Bergingenieure, der Knappenverein Dinslaken-Lohberg, die Geschichtswerkstatt Oberhausen und die Stiftung Ledigenheim vertreten.
Frauen und Männer, sie sich für dieses besondere Kapital der Bergbaugeschichte begeistern und sich dafür engagieren möchten, sind herzlich willkommen. Treffen finden jeden dritten Montag im Monat um 16 Uhr im Knappenheim Lohberg statt (Nebeneingang Lohbergstraße 20a). Interessenten können ohne Anmeldung dazu kommen.


Ledigenheim und DIZeum


Das 1916 fertig gestellte Ledigenheim Lohberg, im Zentrum der Gartenstadt Lohberg gelegen, steht unter Denkmalschutz und wurde 2007 kernsaniert. Der Ziegelbau dient heute als Zentrum für Kultur, Dienstleistung und Gewerbe und beherbergt auch ein arabisches Restaurant.


Im September 2014 wurde im Erdgeschoss das "Dokumentations- und Informationszentrum Ledigenheime im Ruhrbergbau (DIZeum)" eröffnet, eine Sammlungsstätte für die Historie von Ledigenheimen inklusive Ausstellung über deren Geschichte.


Im Ruhrgebiet gab es für ledige Bergarbeiter bis zu den 1960-er Jahren mindestens 120 Heime. Einige enthielten nur wenige Schlafplätze, das größte der Firma Krupp in Essen 1.600 Betten. Dort lebten 16 Männer in einem Wohnraum. Von mittlerer Größe waren die Ledigenheime des Thyssen Bergbaus, zu dem auch das Ledigenheim Lohberg mit 542 Betten gehörte. Neben der Nutzung als Unterkunft und Verpflegungsstätte gab es hier auch eine Kegelbahn, Kultur- und Sportveranstaltungen sowie die Werksfürsorge und die bergmännische Kulturarbeit. Ein Teil des Gebäudes wurde zeitweise als Berglehrlingsheim genutzt.


Zum Dokumentations- und Informationszentrum Ledigenheime gehört ein Archiv, welches das Leben in den Bergarbeiterkolonien des Ruhrgebiets veranschaulicht. Die Zielgruppen sind u.a. Schulklassen und Studenten.
Mit dem Aufbau des geschichtswissenschaftlichen Archivs und der Konzeption der Ausstellung wurde die Geschichtswerkstatt Oberhausen betraut. Der Verein arbeitete bereits die Schautafeln aus, die Besuchern im Ortsgebiet von Lohberg Wissenswertes über die Historie der Gartenstadt mitteilen. Historiker André Wilger sammelte Berichte von Zeitzeugen.

 

Unter anderem haben der Landschaftsverband Rheinland, die NRW-Stiftung, die Bürgerstiftung der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe und die Sparkassen-Kulturstiftung Rheinland finanzielle Mittel für das DIZeum bereitgestellt.

 

Adresse: Stollenstraße 1, 46537 Dinslaken
Öffnungszeiten: Jeden Sonntag von 14.00 bis 17.00 Uhr

Kontakt: Stiftung Ledigenheim Lohberg, Janet Rauch,

Tel. 02064 - 621 930, info@stiftung-ledigenheim.de
 

 

Projektgemeinschaft und Förderer RAG Dinslaken Ziel2.NRW Ministerium für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen Europäische Union NWE CREATIV.NRW ecce Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen