06.11.2015

Was ist denn da los? Kunst-Aktionswoche zeigt den Wandel

“Transformation Lohberg 2015″: Mehr als 20 Künstler*innen schufen mit ihren Aktionen originelle Verbindungen zwischen KQL und Gartenstadt. Die Lohberger und viele Besucher staunten, fragten und wirkten aktiv mit.

 

Transformieren bedeutet Verwandeln oder Umformen – und das ist während der Aktionswoche “Transformation Lohberg 2015″ fortwährend geschehen. Zum Beispiel so: In Doris Kooks Workshop „Ich bin“ formen die Teilnehmenden Selbstporträts aus Tonklumpen. Im Verlauf einiger Stunden nimmt das weiche Material Gestalt an. Ob die Köpfe ihrem Schöpfer ähnlich sehen oder nicht, ist eher unwichtig. Auf den Schaffensprozess kommt es an, und auf ein überraschendes Ergebnis. Und so ist es bei zahlreichen anderen Veranstaltungen auch: Menschen kommen zusammen, um gemeinsam etwas in Gang zu bringen und neue Perspektiven zu schaffen.

 

Eine enorme Vielfalt boten die im Kreativ.Quartier Lohberg ansässigen Künstler*innen und ihre Gastkünstler. Konzerte, Gesangsworkshops, Bild- und Klangnotizen, Upcycling, Landart, Malerei, Film, szenische Stadtteilführungen …die Besucher konnten auswählen, an welcher Kunstsparte sie sich als Zuhörer/Zuschauer oder auch aktiv beteiligen wollten. Das Konzept, Gartenstadt und KQL einander näher zu bringen, ist aufgegangen: Viele Anwohner und Besucher wunderten sich, was denn da vor sich geht, mischten sich ein und stellten Fragen. Kunst als Kommunikation, das funktioniert dann, wenn man sein Publikum beteiligt und die Aktionen Beziehungen zu ihrem direkten Umfeld eingehen.

 

Bunt und lehrreich, belebend und verbindend

 

„Wir hatten eine abwechslungsreiche, inspirierende und kommunikative Zeit“, resümieren die Künstler*innen. „Meine Aktion war lehrreich, vielfältig und verbindend“, erzählt zum Beispiel Upcycling-Künstler Thomas Zigahn. „Das Ziel ist mehr als erreicht: Die erbauten Objekte bleiben fest vor Ort.“ Fünf Tage lang bauten die Teilnehmenden in seinem Workshop Sitzgelegenheiten aus Europaletten und Restholz, gemäß dem Upcycling-Motto: Aus vermeintlichem Müll lässt sich meistens etwas Brauchbares herstellen, was oft auch noch gut aussieht. Zigahn nennt als persönliches Highlight der Woche das Auftaktkonzert mit Kent Coda, das leider noch recht wenige Besucher zählte. Das Künstler-Ehepaar Walburga Schild-Griesbeck und Peter Griesbeck ist ebenfalls sehr angetan: „Es war interessant, bunt, unterhaltsam, belebend und transformierend - insgesamt eine gelungene Aktion. Wir hatten viele Besucher unterschiedlichster Couleur, viele Gespräche, Fragen und auch viele Bestätigungen.“ Walburga Schild-Griesbeck stellte in der Galerie 399 an der Hünxer Straße 399 genähte Collagen aus Zeitungen und Modeprospekten aus, Britta Döring steuerte Objektkunst in Form von Riesentaschen bei und Gudrun Bröckerhoff zeigte abstrahierte Fotografien mit Waldmotiven.

 

„Im Prozess und im Ergebnis rundum zufrieden“

 

Auch Antje Pilarek und Judith Anna Schmidt waren mit ihrem mobilen Atelier für Klang & BildNotizen „sowohl im Prozess als auch im Ergebnis rundum zufrieden. Es war gut besucht, arbeitsintensiv und inspirierend. Wir haben unser Ziel erreicht, die Komplexität einer künstlerischen Arbeit in ihrem Prozess sichtbar zu machen, zur Finissage eine gelungene Installation zu präsentieren, den Stadtteil besser kennenzulernen und in Resonanz mit den Lohbergern zu gehen.“ Die Künstlerinnen sammelten vor Ort Bilder und Klänge und trafen auf interessierte und wohlwollende Anwohner. Viele Kinder und Erwachsene folgten der Einladung, das Logotier „Liervogel“ zu zeichnen. Diese Zeichnungen lockten zahlreiche Betrachter an die Schaufenster. Antje Pilarek und Judith Anna Schmidt ziehen wie die anderen Künstler*innen das erfreuliche Fazit, dass die „Transformationen“ ein großes Potenzial aufgezeigt haben, das Lohberg für zukünftige Projekte sehr attraktiv mache.

 

Rasende Hebammen und geisterhafte Madonnen

 

Großer Beliebtheit erfreuten sich die fünf Rundgänge "Von Flintenweibern, rasenden Hebammen und Betschwestern" durch Lohberg mit der bewährten Gästeführerin Anja Sommer und Überraschungsgästen. „Jeder Rundgang war anders und hatte durch die vielen szenischen Beiträge und den Abendrundgang mit Lichtinstallation viele Highlights“, schildert Anja Sommer. „Die Teilnehmer haben besonders die Kombination von Fakten und Informationen mit sehr unterschiedlichen szenischen Beiträgen als lebendig gewordene Geschichte des Stadtteils gewürdigt.“


Wegen des großen Anklangs ist eine Wiederholung durchaus möglich. Gemeinsam mit Britta L.QL hatte Sommer für dieses Projekt der Geschichte der Lohberger Frauen nachgespürt. So feudelte ein emsiges Mädchen im historischen Kleid die Eingangstreppe des ehemaligen „Konsums“, der früher die Nahversorgung in der Gartenstadt sicherstellte. Am Ledigenheim wies Anja Sommer auf Einschusslöcher als Folge der Märzunruhen 1920 hin, und schon drängte eine gestrenge Person die Gäste der Führung eilig ins Haus: „Schnell rein, hier wird geschossen!“

 

Britta L.QL. beteiligte sich vor allem mit ihrem Langzeitprojekt „Madonnen über Tage“, geisterhaften weißen Skulpturen aus den „Pottmaterialien“ Stahl und Stoff, an der Aktionswoche. Die Künstlerin verschafft den Frauen auf spezielle Weise einen angemessenen Platz in der Geschichte. Auch vom Dach des ehemaligen Gesundheitshauses grüßten die Madonnen die Besucher der „Transformationen“.

 

Kohlenstaub, Riesen-Schriftzüge und „Zukunft“ in der Grundschule

 

Eine weitere Aktion der prall gefüllten Woche war unter anderem Ulrike Int-Veens Mal-Workshop „Rost, Kohlenstaub, Pigmente“. Die Teilnehmenden verwandelten frühere Arbeitsmaterialen der Zeche in Farbflächen- und formen. Rainer Höpken dokumentierte über sechs Wochen lang fotografisch die Abtragung des Schriftzuges „Was bleibt ist die Zukunft“ der Künstlergruppe Remotewords auf dem Dach der ehemaligen Kaue. Unter dem Titel „Der Abriss der Zukunft“ sind sie nun im Parkwerk zu sehen. Zudem übertrug er den Schriftzug mit Farbe auf die Straßen und den Marktplatz in der Gartenstadt, teilweise mit Fotoshootings von vielen Lohberger Bürger, die in den Buchstaben standen.


Rainer Höpkens freudiges Resumée: „Ich war mit meiner Aktion total zufrieden. Da ich alles draußen im Freien umsetzte, musste das Wetter mitspielen, was es auch tat. Alles hat super geklappt! Ich bedanke mich ausdrücklich bei allen Beteiligten der Stadt und der Polizeidienststelle dafür, dass letztendlich alle nötigen Genehmigungen erteilt und die gewünschte Unterstützung geleistet wurde. Dank auch an alle Lohberger Bürger, die großes Interesse zeigten - sehr oft musste ich Fragen beantworten und erntete viel Zustimmung, wenn der Sinn und der Zusammenhang verstanden war.“ Als Highlight der Woche empfand der Bildende Künstler die Zusammenarbeit mit der Grundschule Lohberg. Alle Schüler*innen arbeiteten im Unterricht am Thema Zukunft und beteiligten sich mit viel Begeisterung am Fotoshooting vor ihrer Schule.

 

Landart im Bergpark, Rauminstallationen und Lichterfest mit Anwohnern

 

Sabine Hulverhorn kontrastierte in ihrer Landartaktion Bauschutt mit leuchtend pinkfarbenen Stäben und akzentuierte den Bauzaun mit bunten Punkten. Aus dem Weiher im Bergpark schaut ein Monsterkopf hervor – Lohberger Weiher goes Loch Ness? Ben Perdighe füllte in der Hauerstraße eine leere Wohnung mit Bildern mit typischen Ruhrpottphrasen, Rauminstallationen und „Lohbergern“: Puppen mit Kleidung aus Abfall, den er im Stadtteil fand. Auch Musikfreunde kamen auf ihre Kosten: Wer auf sanfte Weise seine Stimme erkunden wollte, war in Samira Al-Amries Gesangsworkshops richtig. Ob „Basics“, Mediation und Stimme oder Improvisation, die Tönenden erfreuten sich an den gemeinsam entstehenden Klängen.

 

Die Lohberger Bevölkerung war außerdem mit einem großen Nachbarschafts-Lichterfest in die „Transformationen“ eingebunden. Helligkeit trug zudem Lichtdesigner Ulrich Meier täglich als verbindendes Element durch orangefarbene Lichtsäulen in alle Aktionsorte. Die Grundschule Lohberg beteiligte sich unter der Leitung von Rainer Kiel mit Recyclingmobiles für das Treppenhaus der Schule, die die Kinder bastelten.

 

„Alle in Lohberg haben über uns geredet – wir haben viel transformiert“

 

Britta L.QL. fasst die Woche so zusammen: „Wir haben viel transformiert.“ Und das war schließlich das Ziel. „Gemessen an unserer kurzen Vorbereitungszeit war die Zahl der Besucher gut, sämtliche Workshops waren sogar ausgebucht. Im Laufe der Woche hat sich herumgesprochen, dass in Lohberg und im Bergpark ständig etwas los ist, und immer mehr Interessierte kamen und guckten. Alle in Lohberg haben über uns geredet und gemerkt, dass wir diesem Ort sehr zugeneigt sind.“ Zum gemeinsamen Abschlussabend mit Kunst und Jamsession versammelten sich bei bester Stimmung etwa 250 Transformations-Fans.


„Das Projekt konzentriert in einer Woche durchzuführen, war richtig und hat für viel Aufmerksamkeit gesorgt“, bilanziert Britta L.QL auch im Hinblick auf zukünftige Projekte im KQL. Bereits zum Auftakt der Woche kam auch Bürgermeister Dr. Michael Heidinger vorbei und meinte begeistert: „Den Prozess der Veränderungen in Lohberg künstlerisch zu begleiten und so sichtbar zu machen, finde ich großartig.“

 

Gudrun Heyder


Anmerkung der Autorin: Kunstaktionen, die ausführlicher geschildert werden als andere, bitte ich als stellvertretend für diese zu verstehen, da die Fülle des Programms hier nicht komplett darstellbar ist. Das beinhaltet keinesfalls eine Wertung, sondern soll Einblicke geben.

 

Bildrechte: Copyright Bild 1 Martin Büttner/www.kreativquartier-lohberg.de, andere Bilder Copyright Gudrun Heyder

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