21.12.2018

Schichtwort: Schlusswort zum Ende der deutschen Steinkohle von Silvo Magerl, Obersteiger a.D.

Silvo Magerl nach der Seilfahrt

Zum heutigen Ende des Steinkohlebergbaus in Deutschland ist viel gesagt worden. Wir möchten hier Silvo Magerl sprechen lassen, der sein gesamtes 30-jähriges Berufsleben auf der Zeche Lohberg verbracht hat.

 

"Ich habe mich oft gefragt, warum der Bergmann so etwas Besonderes sein soll.

 

Für mich kann ich sagen, dass ich persönlich an dem Wirtschaftswunder, bei dem so viele Bergleute beteiligt waren, keinen Anteil hatte. Erst 1975, also gut 25 Jahre danach, habe ich meine erste Schicht auf dem Bergwerk Lohberg verfahren. In über 30 Jahren habe ich den Bergbau kennen gelernt, auch von seiner harten Seite, doch ich gehöre immer noch dazu!

 

Deswegen stelle ich meine Frage noch mal: Was zeichnet einen Bergmann aus? Was ist das Besondere? In den letzten Monaten des Bergbaus liest man in den sozialen Netzwerken oft Sprüche wie: „Der Bergbau geht, doch Stolz und Ehre bleiben“ und das macht mich nachdenklich. Kann ich das für mich einordnen? Liegt es daran, dass es eine Männerwelt war,  geprägt von einem rauen, aber doch herzlichen Unterton? Auch im Straßenbau werden nicht sehr viele Frauen beschäftigt und ich kenne auch keine Dachdeckerinnen. Das wird es also nicht sein.

 

Ist es die schwere körperliche Arbeit in einer bedrückenden und surrealen dunklen Enge im Schoß der Erde? Ist es der Kumpel neben mir, der mich sichert, der mir zur Seite steht und sich absolut sicher ist, dass ich dasselbe für ihn tue? Ist es das bedingungslose Vertrauen, welches diesen Zusammenhalt prägte?

 

Hat es mit unserer Sprache zu tun, die nur wir Bergleute im Ruhrpott sprechen? Eine eigene Sprache, die sich im Pütt entwickelt hat, weil der Bergbau ein Schmelztiegel der Migration war und bis heute ist?

 

Mit der Sprache, die  schroff wirkt, wenn man sein Gegenüber aufgrund des Lärmpegels kaum versteht und ihn anbrüllt. Situationsbedingt scheint das normal zu sein. Doch auch die Herzlichkeit will ich nicht vergessen, wenn man sich gegenseitig auf die Schulter klopft und beglückwünscht zu der Schicht-Leistung, die man erbracht hat, weil uns der tägliche Arbeitsmarathon wieder gelungen ist.

Aber vielleicht hat es doch etwas mit dieser Männerwelt Untertage zu tun.

 

Es ist die Summe aller Eigenheiten, die uns besonders macht. Ich kenne keinen Betrieb, in dem sich Mitarbeiter so verbunden mit ihrem Arbeitsplatz fühlen wie der Bergmann. Das ist es, was ihn dann letztendlich auszeichnet: die Verbundenheit, die Identifikation und die Treue zum Pütt und zu seinem Kumpel.

 

Ohne den Bergbau wäre das Wirtschaftswunder nicht möglich gewesen, die Kohle war der Motor, der es antrieb. Wir waren es, die das Ruhrgebiet, nein Deutschland, zu dem gemacht haben, was es jetzt ist.

 

Auch wenn der Steinkohlenbergbau geht, sind wir ehemaligen Bergmänner noch da und es ist unsere Aufgabe, die Menschen daran zu erinnern, was es bedeutet, Bergmann zu sein.

 

Täglich fuhren wir ein in eine andere, dunkle Welt.  Diese Welt gehörte nur uns, wir förderten das schwarze Gold von unter Tage und es wurde zu Licht und Wärme für alle Menschen.

Wir waren Teil einer ganz besonderen Welt.

Glückauf"

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